Open Badges: Gamification für den Lebenslauf?

Mit Open Badges führt Mozilla eine technische Infrastruktur für virtuelle „Achievements“ ein, mit denen sich Schlüsselkompetenzen flexibel dokumentieren lassen sollen. Ich habe mir das einmal näher angeschaut um zu beurteilen, ob mit Open Badges nun Gamification Einzug in den Lebenslauf gefunden hat oder Mozillas Konzept eigentlich etwas ganz anderes ist.

Schlüsselkompetenzen – wichtig, aber unsichtbar

Wie Mozilla (in Kooperation mit der Peer 2 Peer University und der McArthur Foundation) in einem Arbeitspapier schreibt, erwirbt man Schlüsselkompetenzen wie Medien- oder Sozialkompetenz nicht in den klassischen Bildungseinrichtungen, sondern vor allem in den informellen Bereichen des Lebens und durch Erfahrung. Sie sind für den persönlichen und beruflichen Erfolg unverzichtbar. Wie aber lassen sie sich gegenüber potenziellen Arbeitgebern, Förderern oder Auftraggebern glaubhaft darstellen, wenn sie auf den üblichen Schul- und Studienzeugnissen nicht dokumentiert werden? Genau in diese Lücke zielt Mozilla mit Open Badges.

Eine Infrastruktur, die Kompetenz und Leistung dokumentiert<h/3>

Open Badges ist eine technische Infrastruktur zwischen Lernenden und Gemeinschaften, in denen formale oder informelle Bildung erfolgt. Zweiteren ist es mit dieser Infrastruktur möglich, Badges auszustellen und mit Metadaten zu versehen, aus denen hervorgeht, welche konkreten Leistungen zum Erwerb der Badges vonnöten waren. Erstere können diese in ihrem virtuellen „Backpack“ sammeln und von dort aus auf Webseiten oder sozialen Netzwerken einbetten. So nennt beispielsweise derjenige das „Reviewer-Badge“ der Open University sein eigen, der zwei oder mehr Lehrkonzepte bei Cloudworks bewertet und konstruktives Feedback gegeben hat. Fortan kann er die erworbene Medaille auf seinen Online-Profilen zeigen.

Die Infrastruktur von Open Badges (Quelle: Mozilla)
Die Infrastruktur von Open Badges (Quelle: Mozilla)

Gamification oder nicht?

Ich finde die Idee eigentlich nicht schlecht – denn in der Praxis sind konkrete Schlüsselkompetenzen gefragt und diese lassen sich mit solchen Referenzen besser darstellen als mit einem einzelnen Schul- oder Studiumszeugnis. Aber ist Open Badges nun Gamification? Meiner Ansicht nach: nein! Zwar bedient Mozilla sich mit den Badges der äußeren Ästhetik von Gamification, zwischen Open Badges als Kompetenzgalerie und Gamification liegen auf konzeptioneller Ebene jedoch Welten. Die Zurschaustellung von Kompetenzen funktioniert mit Open Badges meiner Ansicht nach nur dann, wenn die virtuellen Medaillen sparsam verteilt werden und nur für entsprechend großschrittige Leistungen und Kompetenzen ausgestellt werden. Denn wenn Arbeitgebern, Förderern oder Auftraggebern künftig eine Flut feingranularer, virtueller Badges auf den Webseiten und Social-Media-Profilen jedes Bewerbers entgegenprangte, wäre die Aussagekraft von Open Badges dahin. Gerade die Kleinschrittigkeit und inflationäre Großzügigkeit jedoch ist es, die Gamification für die Nutzer so interessant macht. Gamfication verspricht schnelles Lob für im Grunde banale Leistungen – gerade daher schmeichelt es den Nutzern so sehr. Und durch viele weitere Mechanismen jenseits virtueller Medaillen, die bei Open Badges jedoch nicht vorzufinden sind.

Open Badges als Gamification zu bezeichnen, würde daher beiden Seiten nicht gerecht: Gamification ist weitaus breiter angelegt als eine reine Medaillensammlung. Und Open Badges geht deutlich tiefer als Gamification, da es die Medaillen längst nicht so inflationär vergibt. Da Mozilla im bereits genannten Arbeitspapier und im seinem Wiki den Begriff Gamification nicht erwähnt, bezweifle ich, dass Open Badges als Gamification gemeint ist. Das beruhigt – schließlich gibt es viele traurige Beispiele dafür, wie ein falsch verstandenes Medienphänomen in einer Art und Weise instrumentalisiert wird, die seinem Wesen und seiner Faszinationskraft seitens der Nutzer krass widerspricht (man denke beispielsweise an einige Lernspiele, deren Zwang und Ernst jeglichen Spielcharakter ersticken; oder manche Versuche, mit der verpflichtenden Nutzung von Social-Media-Elementen in Lernszenarien den informellen, partizipativen Charakter des Web 2.0 in formale Bildungskontexte zu zwängen). Doch auch wenn Mozilla Gamification eigentlich gar nicht im Sinn hatte, könnte die Entscheidung, mit Badges ausgerechnet eine typische Gamification-Ästhetik zu verwenden, noch zu einigen Missverständnissen und falschen Erwartungen führen.

4 Replies to “Open Badges: Gamification für den Lebenslauf?”

  1. Den Ansatz von Mozilla finde ich ziemlich interessant. Ließen sich die Mozilla-Badges nicht relativ einfach ergänzen, um beiden Ansprüchen gerecht zu werden? Einen spielerischen Aspekt könnte man durch niedrigschwellige Achievements integrieren. Also durch die üblichen “First Post/Comment/Review”-Badges. Relevant für den Lebenslauf (und auf den ersten Blick für Personaler zu erkennen) wären aber nur höherstufige (“Gold-“)Auszeichnungen. Ein ähnliches Belohnungssystem existiert ja beispielsweise für die Playstation. Wer dort nur nach Platin-Trophäen sucht, kann sicher sein, nur die engagierten Gamer zu finden. Damit ist Übersicht und Relevanz garantiert, gleichzeitig sind aber auch feingranulare Belohnungen möglich – und die können sich ja mit der Zeit auch zu einem relevanten Achievement akkumulieren.

    1. Das habe ich mir auch schon überlegt. Man müsste die Badges anhand ihrer Metadaten klassifizieren können – z. B. nach Kompetenzbereich (Sozialkompetenz, Fachkompetenz, etc.) und nach “Gewicht”. Zumindest Letzeres sieht Mozilla meines Wissens vor. Dann fehlen aber dennoch viele weitere interessante Gamification-Mechanismen.

  2. Das Problem liegt darin, dass bei Open Badges nur ein Spielprinzip genutzt wird, zudem ist es nicht eingebettet in eine Storyline mit natürlichem Ende, außer man betrachtet das gesamte Leben als Spiel. Daher bin ich deiner Meinung Ulrich, aber man könnte das Konzept erweitern mit Ranglisten, beschränken auf bestimmte Kreise und Zeiten, Wettkämpfe einführen und so mehr Spielprinzipien einführen. Ich habe die Spielprinzipien mal kurz in meinem Blog vorgestellt: http://www.adtractive.de/digitale-spielwiese/?p=306

    VG
    Ibo
    http://www.digitale-spielwiese.org

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